STORIES

Travel Stories von unterwegs: mal schräg, mal schaurig und manchmal schön.  Jede Geschichte mit einer Collage, die auf die Reise einstimmt.

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Unter uns der Abgrund…

Dank an
…Dieter, der manch grobe Kante geschliffen und Eleganz in die Travel Stories gebracht hat!

  • Aug in Aug in Bali
  • Affentempel, Thailand
  • Captain’s Dinner
  • ….kommt demnächst….

Aug‘ in Aug in Bali

text & collage Izabella Gawin

Wer auf Bali zur Toilette geht, denkt nicht nur ans große Geschäft…

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Wie komm‘ ich hier bloß raus?

Ich saß auf der Toilette und dachte an den Cocktail, der mich auf der Hotelterrasse erwartete: Bloody Mary mit viel Wodka, so wie ich es mag. Ich malte mir gerade aus, wie der rote Saft kühl durch meine Kehle rinnt – genau das Richtige, um die Schwüle zu ertragen. Versunken in diese angenehme Vorstellung, hob ich unwillkürlich den Blick. War es ein winziges Vibrieren in der Luft? Ein Schatten, der auf meine Schenkel fiel?

Ich schaute nach oben und traute meinen Augen nicht. Knapp einen Meter über mir hing eine Spinne groß wie eine Salatschüssel. Vor Schreck hielt ich die Luft an. Was hatte ich gelesen? Auf der Insel sollte es Dutzende Spinnen geben, deren Biss hochgiftig sei, starke Schmerzen und sogar Lähmungen auslöse. Ich hatte mir die Warnhinweise eingeprägt: Erst die Laken lüften, dann ins Bett schlüpfen. Nicht zu vergessen die Schuhe.  Keinesfalls unbekümmert hineinfahren, sondern immer prüfen, ob sich darin ein Tier befindet!

Irgendwann ist das körperliche Bedürfnis so stark, dass man ihm nachgibt – und koste es das Leben!

Das alles schoss mir im Bruchteil einer Sekunde durch den Kopf. Und die Frage: Darf man einer Spinne in die Augen schauen? Ich weiß, dass Hunde der Blickkontakt aggressiv macht. Wie ist es bei Spinnen? Sofort hatte ich ihre Augen gefunden, kleine Kugeln mit glänzenden Reflexen. Was stand darin? Angriffslust? Ich starrte sie an. Würde es mir gelingen, sie zu hypnotisieren?

Auch ihre Augen hatten mich fest im Griff. Sie schienen sagen zu wollen: „Beweg‘ dich nur einen Millimeter und ich schieß‘ mein Gift los!“ Und ich? Welche Waffe hatte ich? Zur Klobürste greifen und auf die Spinne einschlagen? Keine Chance – sie würde schneller sein.

So verharrten wir regungslos. Nach einer Weile bemerkte ich mit Schrecken, dass mein Nacken zu schmerzen begann. Noch immer schaute ich starr nach oben und nahm jedes einzelne ihrer rot-goldenen Haare wahr, die wie Stoppeln von den vielen Beinen abstanden. Viel länger, das wusste ich, würde ich die Position nicht halten können.

Viel länger, das wusste ich, würde ich die Position nicht halten können.

Eine Filmszene fiel mir ein, in der sich eine gefangene Frau ausliefert, indem sie hemmungslos zu niesen beginnt. Irgendwann ist das körperliche Bedürfnis so stark, dass man ihm nachgibt – und koste es das Leben! Bald würde es bei mir genauso sein! Ich würde meinen Kopf bewegen und sie zubeißen! Da erinnerte ich mich an den Cocktail, der draußen auf mich wartete… Ich wollte hier raus– unverletzt! Aus den Augenwinkeln sah ich die Tür, die mich von der Welt trennte. Die Klinke, die ich würde herunterdrücken müssen…

Ich weiß nicht mehr, was mir die Kraft gab: Doch plötzlich machte ich einen Hechtsprung auf die Klinke zu, riss die Tür auf und stürzte mit heruntergezogenem Slip in die Freiheit…

ASIEN Bali / Denpasar: www.balitourismboard.org/bali-regencies-districts/denpasar



Affentempel, Thailand

text & collage Izabella Gawin 

Sexs sells – das trifft auch auf Paviane in Asien zu. Aber von ihrer Peep Show sollte man sich nicht allzu sehr ablenken lassen.

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Im Affentempel geht’s hoch her

Im Schneehaus leben Hunderttausende Götter. Einer davon ist Lord Hanuman, der Gott der Affen. Ihm untersteht der Tempel in Phitsanulok, ein Refugium der Paviane. Nicht nur der Gott sorgt für sie, auch die Menschen tun es. Fromme Hindus bringen ihnen Obst und Gemüse, Kokosnüsse und Wasser. So gut versorgt fühlen sich die Affen, dass sie wählerisch geworden sind. Sie probieren mal hier, mal da, beißen herzhaft in eine Frucht und lassen den Rest liegen. Sie springen über Altäre und Tempelmauern, zupfen an frischen Blumen und Räucherstäbchen. Ihre Notdurft verrichten sie überall – eine Putzkolonne lässt den Unrat unauffällig verschwinden.

So gut versorgt fühlen sich die Affen, dass sie wählerisch geworden sind.

Natürlich haben sich die Affen längst an die vielen Besucher gewöhnt und lassen sich ungerührt fotografieren. Am liebsten strecken sie ihnen ihr unbehaartes, rosa-fleischiges Hinterteil entgegen. Auch untereinander tun sie das gern, als wollten sie sagen: „Schau, wie schön ich bin!“

Wenn der Hintern eines Weibchens knallrot anläuft, scheint es sagen zu wollen: „Ich bin bereit!“ Und schon kommt der Ober-Pavian angeschlendert und steckt sein eregiertes Glied in die rote Wunde.

Als ich es sah, war ich entsetzt und fasziniert zugleich, anderen Besuchern schien es ähnlich zu gehen: Sie konnten nicht davon ablassen, die Szene in voller Länge zu filmen. Kaum hatte ich meinen Fotoapparat abgesetzt, sah ich, dass der Pavian-Macho das nächste Weibchen ansteuerte: ein kleines, zotteliges Wesen, das er nach vollbrachter Tat herzlich umarmte. „Was für ein Sexualleben!“, dachte ich, „wie unaufgeregt und gelassen!“

„Was für ein Sexualleben!“, dachte ich, „wie unaufgeregt und gelassen!“

Ich war noch ganz in diesen Gedanken versunken, als plötzlich ein Pavian auf meinen Schoß sprang. Der Guide hatte uns gewarnt: „Halten Sie Ihre Kamera fest! Affen spielen gern mit Fotoapparaten!“ Ich war so sehr auf mein kostbares Stück fixiert, dass ich nicht begriff, worauf der Affe hinauswollte. Er hatte es auf meinen Ohrring abgesehen! Kaum dass ich mich versah, hatte er mir das Gehänge geschickt aus dem Ohr gezogen! Und sauste mit seiner Beute davon. Fassungslos sah ich seinem roten Popo nach… Ich schrie und rannte dem Pavian hinterher. Doch klug wie er war, tauchte er in einer Affengruppe unter.

Unverhofft bekam ich Hilfe. Eine Thailänderin, die die Szene beobachtet hatte, stob die Affenbande mit einem Schirm auseinander. Der Dieb knurrte und fletschte seine gewaltigen Eckzähne. Doch sie drosch so entschlossen auf ihn ein, dass er seine Beute fallen ließ und das Weite suchte. So gewann ich mein gutes Stück zurück ….

ASIEN Thailand / Phitsanulok: www.tourismthailand.org/Destinations/Provinces/phitsanulok/112



Captain’s Dinner

text & collage Izabella Gawin

Vor der Küste Guatemalas: Während auf dem Oberdeck groß gefeiert wird, geht auf dem Unterdeck der Erste Offizier eigene Wege.

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Ein Mensch geht von Bord, Vögel stürzen gegen den Schiffsrumpf in den Tod

Er schließt die Tür seiner Kajüte und steigt die Treppe hinab. „Captain’s Dinner“ steht auf dem Programm. Für ihn heißt das ‚The same procedure as every week‘. Wenn der Kapitän die neuen Passagiere begrüßt, muss er als Erster Offizier ran ans Steuerrad. Doch daraus wird heut nichts. Verstohlen blickt er sich um, während er die Treppe hinabsteigt. Vom Oberdeck her tönt Musik, vermischt mit dem Parlando gutgelaunter Leute. Unterhaltungsklimbim, Small Talk, Witze auf Kosten Dritter.

Das Unterdeck ist wie immer menschenleer. Für die Passagiere sind es zu viele Treppen hinab. Und die Maschinisten, die den halben Tag in Dunkelheit verbringen, suchen sich einen helleren Ort für eine Pause. Er aber ist gern hier unten – so nah am Wasser wie möglich. Jetzt steht er hier, hört das vertraute Glucksen kleiner, gegeneinanderschlagender Wellen. Hereinbrechende Dunkelheit, erste Sterne am Himmel.

Da liegt es vor ihm – ein Bündel von Ordnung und Disziplin. Das alles wird er nicht mehr brauchen.

Er nimmt die Schirmmütze ab, „MS Aurora“ steht drauf – in Gold natürlich. Er fummelt eine Zigarette aus der Schachtel, saugt gierig den Rauch ein. Ein-, zweimal, schon schnipst er sie ins Meer. Routiniert knüpft er die Jacke auf, faltet sie zusammen. Nimmt zuvor die Epauletten ab. Schnell schlüpft er auch aus den polierten Schuhen. Die Hose ruckzuck entlang der Bügelfalte zusammengelegt. Da liegt es vor ihm – ein Bündel von Ordnung und Disziplin. Das alles wird er nicht mehr brauchen.

Und auch die Unterhose nicht. Er wirft sie weit aufs Meer – eine weiße Fahne, die ihm aus der Dunkelheit zu winken scheint.

eine weiße Fahne, die ihm aus der Dunkelheit zu winken scheint.

Oben 600 Passagiere im Sonntagsstaat, die Männer im Smoking, die Frauen im Abendkleid. Der Pianist weiß, was seine Gäste hören wollen, am liebsten jeden Abend aufs Neue. Er spielt „Bésame mucho“, sanft lullen die Töne ein. Ein Aperitif wird gereicht. Was wohl zum Dinner serviert wird? Die alten Kreuzfahrthasen wissen, der heutige Abend wird einen Höhepunkt bieten, eine willkommene Abwechslung zur Schlacht am Büfett. Acht Gänge vielleicht? Und zu jedem Gang den passenden Wein…

Die ersten Passagiere spazieren aufs Promenadendeck, wo auffrischender Wind Kühlung verschafft. Asiatische Kellnerinnen folgen ihnen und balancieren Silbertabletts mit dunkelgrünen, von Elfenbeinstäbchen zusammengehaltenen Doppelplätzchen. „Algen-Türmchen, gefüllt mit Thun-Tartar, bitte probieren“, säuseln sie und halten Servietten bereit.

Da dröhnt eine Männerstimme: „Ist das für Liliputaner oder was? Und diese Farbe! Ich will doch keinen zusammengebackenen Spinat!“ Eine Frau in violettem Brokat beschwichtigt: „Mein Lieber, das ist Fingerfood. Wenn’s dir nicht gefällt, kannst du mir gern deinen Happen geben!“ – „Ich pfeif‘ auf Fingerfood. Ein Stück Wurst wär‘ mir lieber!“ Seine Nachbarin zur Rechten, eine Frau mit üppig-grauem Haar springt ihm bei: „Ja, roher Fisch ist auch meine Sache nicht. Wer weiß, wie lang der schon im Kühlfach gelegen hat! Aber hier auf dem Schiff ist man ja auf Gedeih und Verderb dem goodwill der Crew ausgeliefert…“ „Na na“, mischt sich eine Jüngere ein, „bis jetzt haben wir doch nichts zu meckern gehabt!“

„Hört mal, ich glaub, wir fahren nicht mehr!“

Eine Pause tritt ein, als sie versuchen, das Kanapee in den Mund zu schieben. Da sagt die Frau in Violett, „Hört mal, ich glaub, wir fahren nicht mehr!“ Die Gruppe lauscht in die Nacht. Nur das Schwappen der Wellen ist zu vernehmen, dazu Gläsergeklirr. „Tatsache – wir stehen!“, stellt die laute Männerstimme fest, „ist ja ein Ding! Mitten auf dem Meer!“ Offenbar haben das auch die übrigen Deck-Passagiere bemerkt. Mit großen Augen schauen sie von einem Grüppchen zum nächsten.

„Vielleicht wird so das Captain’s Dinner eingeläutet“, merkt die jüngere Frau an, „Herr Schneider ist doch immer für Überraschungen gut!“ „Das kann man wohl sagen“, bricht es aus der Grauhaarigen hervor, „wie ich schon sagte: auf goodwill angewiesen!“

– „Das heißt immer das Gegenteil“, zischt die Silbergraue. „Mit dem Schiff ist alles in Ordnung“, hören sie den Kapitän, „aber wir vermissen unseren Ersten Offizier. Wir fürchten, er könnte ins Meer gefallen sein.“

„Wir vermissen unseren Ersten Offizier…“

Wieder zischelt die Frau: „Ins Meer gefallen ist gut! Gesprungen oder gestoßen, das ist doch die Frage!“ „Meine Damen und Herren“, fährt der Kapitän fort, „laut internationaler Gesetzgebung sind wir verpflichtet, hier acht Stunden auszuharren. Ich bitte um Ihr Verständnis!“

Bevor sie ihr Klagelied fortsetzen kann, knackt ein Lautsprecher. In ruhigem Bass verkündet die Stimme des Kapitäns: „Sicher haben Sie schon festgestellt, dass das Schiff nicht mehr fährt. Kein Grund zur Sorge, meine Damen und Herren!“

Kaum ist sein letztes Wort verklungen, wird das Promenadendeck von grellem Licht geflutet. Ein Dutzend Scheinwerfer drehen Richtung Meer und tasten mit scharf konturierten Lichtkegeln seine dunkle Oberfläche ab. Die Passagiere folgen ihnen mit ihren Blicken. Doch da ist kein flottierender Körper zu sehen. Nur die kleinen gekräuselten Wellen, die im Licht wie Scherben eines zerbrochenen Spiegels munter hin und her springen.

Schweres scheint gegen den Schiffsrumpf zu prallen.

Plötzlich ein dumpfes Geräusch. Schweres scheint gegen den Schiffsrumpf zu prallen. Nach einer Pause wiederholt sich der Laut, diesmal weiter oben. Etwas Schwarzes landet vor den Füßen eines Passagiers. Der Mann mit der Dröhn-Stimme bückt sich, um es ins Visier zu nehmen und wird just in diesem Moment wie von einem Boomerang niedergestreckt. Jetzt hört man von überallher einen harten Aufprall. Es scheint geradezu schwere Materie zu regnen.

„Los, schnell hinein!“, schreit ein Mann. Einige stürzen panisch davon, andere schieben sich langsam – mit dem Rücken zur Wand – Richtung Tür. Kaum ist der letzte Passagier von Deck, ist dieses mit kleinen dunklen Körpern übersät: Körpern von Seevögeln, die geblendet vom grellen Licht gegen das Schiff in den Tod flogen …


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