MOCAK – Moderne Kunst in Krakau

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Eine ehemalige Fabrik – zwei Museen: Steven Spielberg hat sie mit Schindlers Liste berühmt gemacht. Am Originalschauplatz filmte er, wie der deutsche Fabrikant und SS-Mann Oskar Schindler jüdische Zwangsarbeiter vor dem sicheren Tod rettete. Viele Besucher sind von der Ausstellung so verstört, dass sie erst am nächsten Tag wiederkommen, um das zweite Museum zu besuchen: das MOCAK – moderne Kunst in Krakau.

Glasböden sorgen für Durchblick und Verwirrung

MOCAK – Schindler-Fabrik goes Kunst

Die weiten Hallen, in denen einst Emaille-Geschirr für die Wehrmacht produziert wurde, sind jetzt hell und elegant, verleugnen aber ihren industriellen Ursprung nicht. Die Architektur versetzt in Erstaunen, doch noch mehr die hier gezeigte Kunst.

Auch Kinder sind fasziniert…

Interview mit Direktorin Maria Anna Potocka

Maria Anna Potocka engagiert sich seit vielen Jahren für zeitgenössische polnische Kunst. Die von ihr kuratierten Ausstellungen haben grenzüberschreitend für Aufsehen gesorgt. MOCAK zeigt keine gefällige Kunst, sondern eine, die sich aktiv mit der Gegenwart auseinandersetzt.

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Maria Anna Potocka, Direktorin des MOCAK, vor Bildern, die Krakaus wichtigstes Kunstwerk, Da Vincis Dame mit dem Hermelin, verfremden. Links Good bye von Jerzy Kosałka (2004), rechts Dame mit Hase von Carina Linge (2008).

Frage: Frau Potocka, bei einer Sendung zum Thema “Kunst und Erinnern” im Ersten Deutschen Fernsehen sagten Sie, Geschichte mache es einem leicht, Verantwortung abzuwälzen: „Ach, das haben die Nazis gemacht, wir aber sind gut.“ Falsch, sagen Sie, denn was da passiert ist, stecke in uns allen, in der europäischen Kultur und in den Religionen. Uns selbst gegenüber misstrauisch sein – das sei angeraten. Doch was ist es, was da Ihrer Meinung nach in uns lauert? Was könnte da heraus wollen? Kann Kunst helfen, diese Frage zu beantworten?“

„Das haben die Nazis gemacht, wir aber sind gut.“

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Maria Anna Potocka: Mir scheint, das Böse, das sich in Unterdrückung, Verbrechen und Krieg manifestiert, ist ein Merkmal unserer Spezies. Unsere Vorstellung vom Guten scheint mir zu utopisch. Deshalb sollten wir wachsam uns gegenüber sein. Kunst ist in diesem Zusammenhang wichtig, denn sie hinterfragt Hierarchien, verspottet Aberglauben, zerstört religiöse Selbstgerechtigkeit und erforscht Ängste. Die Art und Weise, wie sie dies zum Ausdruck bringt, bestimmt ihren künstlerischen Wert.

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Frage: Staaten, sagen Sie, seien unermüdliche Schöpfer kollektiver Denkmuster. Welche Muster sehen Sie in Polen?

Maria Anna Potocka: Ich liebe mein Land, unsere Sprache und die polnische Landschaft. Aber ich habe keinen Respekt vor nationalistischem Denken, vor der Unfähigkeit, über den eigenen Tellerrand zu schauen. In Polen wird ein Märtyrer-Kult gepflegt, demzufolge die Welt um uns herum feindlich ist und uns etwas schuldet. Politiker und Kirche sind sehr geschickt darin, diese Überzeugung für ihre eigenen Zwecke zu mobilisieren.

„Ich habe keinen Respekt vor nationalistischem Denken, vor der Unfähigkeit, über den eigenen Tellerrand zu schauen.“

maria anna potocka

Frage: Können Sie das Beispiel eines Krakauer Künstlers nennen, der diese kollektiven Denkmuster durchbrochen hat?

Maria Anna Potocka: Künstler machen keine Revolution, im besten Fall leisten sie einen kleinen Beitrag zur Überwindung kollektiver Denkmuster. Sie führen vor, wie wir durch Religion, Nationalismus und andere Vorstellungen konditioniert werden. Nehmen wir das Konzept der Natur, mit der LGBT-Menschen in Polen unterdrückt werden. Homosexualität, so wird behauptet, sei nicht natürlich, der Homosexuelle sei also krank, müsse wieder gesunden und ‘normal’ werden…

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Frage: Dennoch: Welche Künstler ragen heraus?

Maria Anna Potocka: In Krakau hatten wir mindestens drei künstlerische Giganten. Der erste ist Stanisław Wyspiański, der zweite Tadeusz Kantor, der dritte Jerzy Nowosielski. Wyspiańskis größtes Werk ist ein Buntglasfenster in der Franziskanerkirche. Es stellt Gott dar, der sich selbst erschafft. Kantors absurdes Theater kann man in der Cricoteca kennenlernen. Nowosielski verbindet Erotik mit orthodoxer Ikonografie – ein großartiges Werk, das leider wenig gezeigt wird.

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Frage: Im MOCAK gibt es nicht nur Ausstellungen, Performances und Diskussionen, sondern auch spezielle Programme für Gefangene und Geisteskranke. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Maria Anna Potocka: MOCAK ist mehr als ein Ort, in dem Kunst ausgestellt wird. Wir machen Ausstellungen und wir publizieren auch – mittlerweile mehr als 100 Titel. Unser Ziel ist es, durch kontroverse Themen Debatten anzustoßen. Behinderte, Blinde, Autisten, Gefangene – für jede dieser Gruppen bereiten wir maßgeschneiderte Programme vor.

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Frage: Gibt es neben MOCAK weitere Kunst- und Kulturstätten, die Sie Krakauer Besuchern empfehlen möchten?

Maria Anna Potocka: Kultur ist Krakaus wichtigste „natürliche“ Ressource, daher haben wir eine Vielzahl interessanter Orte. Das Nationalmuseum und das Krakauer Museum haben jeweils etwa ein Dutzend Filialen. Der Wawel ist eine eigenwillige Mischung aus großer Geschichte und internationalem Baustil. Ich verehre den Wawel! Vor allem aber möchte ich zwei kleinere Institutionen empfehlen: das Internationale Kulturzentrum am Rynek mit hochkarätigen Themenausstellungen und Andrzej Starmachs Galerie in einem restaurierten jüdischen Bethaus. Dort können Sie auch Gemälde von Jerzy Nowosielski sehen. Last not least: unsere Schwesterinstitution, der Kunstbunker im Stadtzentrum.

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Maria Anna Potocka in ihrem Büro, im Hintergrund ein Bild von Jadwiga Maziarska aus den 1950ern

Wir: Frau Potocka, ganz herzlichen Dank für das Interview und für die Erlaubnis, Kunstwerke aus dem Fundus des MOCAK in unserem Blog zeigen zu dürfen!

Info MOCAK – moderne Kunst in Krakau

Das MOCAK befindet sich in Podgórze, Krakaus neuem Trendviertel. Neben dem MOCAK öffnet das Museum Krakau unter deutscher Besatzung 1939-1945, gegenüber die künstlerische Glasmanufaktur Krakowksa Huta Szkła. Wenige Gehminuten entfernt kann man in der fantastischen Cricoteca den von Frau Potocka erwähnten Künstler Tadeusz Kantor kennenlernen. Auch die Starmach-Galerie ist nicht weit. Am „Platz der Ghettohelden“ (plac Bohaterów Getta) erinnert das Museum „Apotheke zum Adler“ (Apteka pod Orłem) an das jüdische Ghetto. Schicke Hotels, trendige Cafés und Bistros haben sich in Podgórze angesiedelt.

MOCAK – Moderne Kunst in Krakau, ul. Lipowa 4 (Podgórze), www.mocak.com.pl, Tram Nr. 3 ab Hauptbahnhof (Dworzec Główny), Haltestelle „Plac Bohaterów Getta“, von dort 5 Gehminuten (ausgeschildert), mit Kunstbuchladen und Café, Di-Do 11-19, Fr 11-21, So 11-19 Uhr, Eintritt 3,50 €

Mehr Infos zu Krakau von uns gibt es hier:

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